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Düfte öffnen das Tor zur Seele
von Daniela Weber

Die Nase vorn haben – das ist für Jens Reißmann nicht nur ein flotter Spruch, das ist das Ziel, mit dem er vor zwei Jahren sein kleines Unternehmen aus der Taufe gehoben hat. Der Zwickauer vermarktet Düfte, die er in seinem Labor entwickelt: "Kaffee und Kuchen" überdecken den Zigarettenrauch in einer Konditorei, "Blue Water" verfeinert die Luft in einer Herrenboutique und
 "Ohne Angst" nimmt Patienten die Beklemmung auf dem Zahnarztstuhl.



Jens Reißmann hat den richtigen Riecher:
Vor allem für aromatische Düfte, aber auch für eine Geschäftsidee mit Perspektive.

In braunen Flaschen werden Kreationen wie "Kaffee " aufbewahrt.
Das dunkle Glas schützt den Inhalt vor Licht.



Nur nichts überstürzen:
Langsam gleiten die Ingredienzien ineinander

Jens Reißmann hat die Nase gestrichen voll. Über eine Stunde inmitten von Orangen, Äpfeln, Zitronen, Zimt. Mandel und Vanille – das hält er länger nicht aus, das geht ihm auf die Nerven. Bloß raus an die frische Luft. Tief atmen, Schluss für heute.

Zufrieden lächelnd tritt der Zwickauer auf die Straße, ein paar Schritte den Berg hinab liegt sein Büro. Dort noch Schreibkram und Telefonanrufe erledigt, dann wird es ein rund um gelungener Tag sein. Während des kurzen Weges befreit sich Reißmanns Nase allmählich von ihrer lieben "Not". Beruhigend klar legt sich die Herbstluft in die gut zehn Millionen Sinneszellen der Schleimhaut und reinigt sich von der Wolke, der sie zuvor ausgesetzt waren. In seinem kleinen Labor unterm Dach hat der 45-Jährige die erste Mixtur für eine neue Duftkomposition aus dem Hause Reima AirConcept gerührt und geschüttelt. Und solch kreative Arbeit trifft den Geruchssinn nachweislich am stärksten.
"Vier, maximal fünf verschiedene Düfte kann meine Nase unmittelbar nacheinander wahrnehmen", erklärt der ehemalige Drucker. der seit zwei Jahren im Geschäft mit den wohligen Gerüchen ist. ”Danach braucht Sie eine Ruhepause," oder eine Nase voll frisch gemahlenem Kaffee. – der neutralisiert die vorherigen Eindrücke. Das ist bei Reißmann nicht anders als bei jedem "normalen" Menschen. Einen besonderen Riecher? Nein. das glaubt Reißmann nicht von sich. "Liebe. und Hingabe", das sind nach seiner Meinung die entscheidenden Ingredienzien. "Dann wird's auch was.” Dann hält man den Spott aus, der einem Mittvierziger entgegenschlägt, wenn er neue Wege geht. Dann hat man die Kraft. Skepsis zu trotzen.

Die Entwicklung der kleinen Firma bestätigt die Auffassung des Chefs. Bislang bietet die Zwickauer Aromaküche rund 200 Schöpfungen an: Vom verführerischen “Kaffee und Kuchen" für die Konditorei über das beruhigende “Ohne Angst" Für Arztpraxen bis hin zum eleganten "Blue Water" für die exklusive Herrenboutique. Hinter den Kombinationen aus Düften und Orten steht eine clevere Idee, die nur auf den ersten Riecher überflüssig scheint.

24 Stunden am Tag atmen wir Luft – das ist eine Binsenweisheit. Doch was wir da in unsere Lungen pumpen, ist meist belastet: Durch die Ausdünstungen von Möbeln, Laserdruckern und Kopierern, durch den Geruch von Essen, Zigaretten und nicht zuletzt durch unsere eigene – mehr oder weniger – ruchbare Körpernote. Klimaanlagen in Büros und Läden filtern zwar die verbrauchte Luft. Aber nach Herbstlaub riechen die Zimmer, in denen wir 90 Prozent der Zeit verbringen, immer noch nicht. Genau an diesem Punkt hakt Reißmanns Konzept ein. Was nützt einer Konditorei der leckerste Kuchen in der Auslage, wenn einem Gast beim Öffnen der Tür zuerst Zigarettenrauch in die Nase schlägt? Welche Aufmerksamkeit kann der lockerste Seminarleiter erwarten, wenn den Zuhörern die Luft ausgeht? Wie angstbeladen setzt sich ein Patient auf den Zahnarztstuhl, der bereits durch die Luft im Wartezimmer desinfiziert wird? Das sind die Fragen, die allein durch perfekte Einrichtung freundliche Mitarbeiter sowie Licht, Farbe und Musik nicht beantwortet werden. “Eine Nasenlänge voraus ist derjenige, der auf das Wundermittel Duft setzt", wirbt Jens Reißmann für sein Duftmarketing.

Geruch entscheidet über unser Wohlbefinden, verstärkt oder mindert Stimmungen – gleich, ob diese angenehm oder unangenehm sind. Reißmann erzählt die Geschichte von dem kleinen Jens, der in Thüringen aufwuchs und dessen Weg nach Hause stets vom Duft aus den Bonbongläsern im Krämerladen begleitet war. ”Jeder hat wohl eine solche Erinnerung", vermutet Reißmann .”Und wenn wir der auf den Grund gehen, merken wir, dass beim Erinnern meist erst der Geruch und dann die Bilder kommen”. Die Erklärung für das Phänomen ist ebenso einfach wie unbekannt. galt das Riechen Jahrzehntelang als Stiefkind der Sinnesforschung. ”Düfte öffnen das Tor zur Seele" ist zwar zum geflügelten Wort geworden, trotzdem sind die genaue Funktion und Feinabstimmung der zehn Millionen Riechzellen in der Nasenschleimhaut noch lange nicht entschlüsselt. Immerhin ist bekannt, dass die Zellen rund 10 000 Duftkomponenten unterscheiden können. Hingegen macht das Auge seine Bilder nur aus den drei Farben rot, gelb, blau sowie den Eindrücken hell und dunkel; und die Geschmacksnerven beschränken sich auf die Qualitäten süß, salzig, sauer und bitter.

Für Jens Reißmann bündelt sich die bisherige Zurückhaltung in der Frage: "Wer redet schon gern über schlechten Geruch?" Genau das ist der Knackpunkt seines Geschäfts, das sich derzeit auf die Entwicklung und den Vertrieb von Beduftungssystemen stützt. Damit muss und will er sich den wirtschaftlichen Erfolg für ”Spielereien wie die Duftentwicklung" sichern. Bislang schränkt nicht allein das Fassungsvermögen seiner Nase den Rückzug ins Labor ein.

Jetzt jedoch, unmittelbar vor der Hotel- und Gaststättenmesse in Düsseldorf, nimmt sich Reißmann mehr Zeit für die ”Spielerei". An drei so genannten konfektionierten Düften will der Zwickauer Jungunternehmer dort schnuppern lassen: "Kaffee und Kuchen", "Cappuccino" und "Weihnachten", letzterer ein Potpourri aus Orangen, Äpfeln, Zitronen, Zimt, Mandel und Vanille.
Mit der ersten Mischung ist Reißmann schon recht zufrieden. Nach einer reichlichen Stunde im Labor verkündet er: “Nun ist es gut. Meine Nase ist voll." Rund 200 verschiedene Konzentrate stehen in Flaschen und Dosen bereit. Auf die Note “Tanne" greift er nicht zurück. "Da ist die Assoziation zum Baden zu stark", lautet die Begründung. Seine Vorstellung von Weihnachtsduft folgt eher dem Duft von Zimt und Mandel, allerdings ohne die schwere Süße von Lebkuchen und Stollen. Den leichten Akzent bringen Apfel und Zitrone. Die Erfahrung der letzten drei Jahre bestimmt das Verhältnis, in dem er die Öle mittels Pipette in einem bauchigen Glas mischt Jedes Gramm mehr oder weniger, das im tastenden Vorgehen einfließt, wird exakt notiert. Zimt und Mandel, die intensivsten Noten, fügt Reißmann zum Schluss hinzu. “Sonst beeinflussen sie das Gemisch so stark, dass die Feinheiten untergehen."

Nach der ersten, groben Komposition klärt sich die Entscheidung: warm und harmonisch soll "Weihnachten" bei Reißmann sein. Um das hervorstechende Mandel- und Zimtöl zu besänftigen, träufelt er ein wenig Apfel und Zitrone nach.
Ein bisschen zuviel des Guten, wie der Riechtest mit dem Papierstäbchen beweist. Im dritten Anlauf schließlich befindet Reißmann das Öl-Alkohol-Gemisch für würdig, den Zerstäubertest abzulegen. Der erfolgt im Zimmer nebenan. Dessen Fenster stehen weit offen, freie Bahn für die handliche Sprayflasche.
Es dauert einige Momente, ehe sich die Nase von der duftschwangeren Laboratmosphäre erholt hat und auf die Probe eingestellt ist. Was sie dann nach wenigen Sekunden aufnimmt, findet sich in den Worten wieder: "Das erinnert an Spekulatius." Ein akzeptables Ergebnis, das die Beruhigung bietet, beim zweiten Anlauf in zwei, drei Tagen nicht gänzlich von Neuem beginnen zu müssen.

Internet: www.duftmarketing.de

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